Sonntag, 30. Januar 2011

Teilweise leise & Gitarre


Sven-Rudolph, 10 Monate, weiblich, chillt gerne
Ein Meer aus Murmeln. Nein, falsch. Ein Meer aus Gemurmel, teilweise ja richtige Stimmen, aufmerksamkeitsmüpfig, verständnis- und geheimnisvoll, klatschend und betratschend. Es ist eine Stimmsee, an deren Gestade ich sitze und mit den Füßen meinen Kopf drin bade. Genauer gesagt, sitz ich im Durchgang und find das gar nicht so schlecht. Dadurch werde ich undefinierbar und geheimnisvoll. Außerdem, ich will mal ehrlich sein, hat mein Bierdate mich versetzt (Gatti! Sau!) und so geb ich eben den einsamen Wolf und tapse argwöhnisch auf einem Teppich der Unterhaltsamkeit, mit Bier als Unterton, manchmal auch Wein, ganz schön oft sogar Wein, sehe ich gerade. Die sind ja bohämischer als Icke, denk ich und maßregel mich sogleich. Ich bin ja nicht mal Berliner, also nicht mal Icke und garantiert nicht Bohème. Meinetwegen dürft ihr sogar sagen: Not bohemian like Wilko. Wenn es mal passt. Hier im Teilchen passt das natürlich gerade nicht, denn alle sind jünger und bohibbeliger als Icke und trinken Rotwein oder ein In-Getränk und schaben mit ihren bunten Stoffschuhen. Und gemeinsam warten wir alle auf Musik und jetzt „Bingo!“ spricht plötzlich Sebastian, der Buchmacher der Teilchengitarre, ins Mikro und alle sind kommandostill und applaudieren wie geschmiert. Der englische Typ, der heut hier muckt, sagt irgendwas ins Mikro und haut die Gitarre an. Fein, denk ich. Schluss mit dem Murmelbrei. Außerdem, denk ich, ist das ja auch mal ganz gut hier allein zu sitzen, praktisch eine Grundvoraussetzung um objektiv zu sein. Oder um besser rumnörgeln zu können. Man hat ja keinen Gesprächspartner außer sein Blatt, hier direkt hinter der Kasse, fast beim Klo und fast bei dem Flintenfoto dort vor der Tür, das mittlerweile auch die meisten von mir kennen. Das erinnert mich immer daran, dass man nie die Flinte ins Korn werfen sollte. Unter der Stimme des Engländers rutscht aber ein ganz anderes Bild in mein Blickfeld. Meerschweinchen! Abzugeben. Drei Stück. Stück ist nicht tierlieb, merk ich gerade. Sagen wir mal drei kleine Fellmöpse. Sven-Rudolph, Einstein und Noah. Sven-Rudolph ist, und das sollte man ihm eigentlich mal schonend beibringen, weiblich und 10 Monate alt. Er chillt gerne. Einstein ist ein eigenwilliger Hengst und genauso alt. Die beiden kennen sich ganz gut, die Vermutung liegt nahe, denn Noah, der dritte im Bunde, ist, und das liegt ja nun eigentlich schon sehr, sehr nahe, ihre Tochter. Das könnten, nein, das müssten die Schweine von Kim und Yochee sein. Das sind die einzigen, die ich kenne, die seit ner Weile Werbung für neuguineanische Pigs auf Fetzbuch machen. Muss ich mal fragen. Super Plakat jedenfalls. Und super Schweine. Zwischenstopp beim Engländer, der ist echt nicht schlecht, vom Äußeren so ein Typ, den man schon morgen nicht wieder erkennt, aber was er da macht macht sich ganz gut. Er mag aber leider die klassische, englische Ansagenmurmelei zu sehr. Er schnuffelt und murrt irgendwas Ernstes und Sensibles durch seinen Dreitagebart ins Mikro und alle Frühzwanzigermädchen nicken bedeutend, während ich beim besten Willen nicht sagen kann, ob das jetzt ernst, sensibel oder bedeutend war. Egal, bin ja nicht wegen der Ansagen hier. Jetzt spielt er leise und zurückgenommen. Das ist klug und macht den Raum leise. Noah würde es auch so machen, das ist natürlich nur eine Vermutung, aber sie liegt nahe, schließlich ist er sicher auch etwas klug. Als Tochter von Einstein sollte man schon etwas klug sein. Außerdem ist Noah übrigens fluffig, laut Steckbriefdeklaration. Meerschweine in einem Meer aus Gemurmel, denk ich da stolz (auch wenn es gerade eher eine Flüsterpfütze in Mute ist). Stolz, weil meine Metaphern heute reinhauen wie sonstwas. Der Engländer hat was von der tiefen David Bowie Stimme, weniger nacheiernd allerdings. Groundcontrol to Meerschwein Tom. Ich seh gerade, der Engländer heißt als Band oder als Soloakteur oder meinetwegen als Aktrice (man ist sich ja nach den Schweinen bei so was durchaus unsicher) Mute Swimmer. Und ich hab das, Ehrrrenwort, wirklich gerade erst realisiert, obwohl Sebastian es mir vorm Konzert irgendwann schon einmal erklärt hatte. Tja, also, meine Metaphern, alter Schwede! Die sind ja wohl saugut! So von wegen Meer und Leute leise spielen, die passen so gut, dass ich mich fast ein bisschen prophetisch finde. Naja, eigentlich nicht und wenn ich echt cool wär, dann würd ich nicht darauf hinweisen, dass ich mal was gut metaphorisiert hab. Ein guter Schwimmer, der Mutie. Enrica geht an mir vorbei, zeigt zum einsamen Engländer und sagt: „Cool! Der gefällt Dir bestimmt auch, oder?!“ und ich nicke und streichle demonstrativ mein Haupt. Leiseschwimmer umschmeichelt mich auf veränderliche Weise, jetzt gerade vergleiche ich seine Stimme mit Glen Hansard aus Once, aber so was passiert ja schnell mit Engländern, die allein und intensiv Gitarre spielen. Er bricht nicht so aus, wie Hansard in Once, alles etwas zurückhaltender, aber das macht nichts. Es sprach ja auch niemand von Break-Out-Swimmer und intensiv ist es trotzdem. Hmm, Glen Hansard ist Ire, fällt mir da ein, das werden die Iren nicht gerne hören, dass ich das einfach so in einen Topf werfe. Liest eh kein Schwein, und noch sicherer kein Ire, denk ich dann und bin beruhigt. Mein fabulantes Halbwissen bliebt schön in meinem Blog (und noch viel mehr davon gottseidank in meinem Kopf). Der Mute Swimmer ist jedenfalls ein fluffiger, eigenwilliger Gesell und ich chill gerne zu ihm und während er die letzten Spoken-Word-Passagen abschrammelt, denke ich, wie seltsam das ist, dass man einem unbekannten Menschen so nah sein kann, wie hier, der doch sonst weit weg hinter einem Meer in England wohnt und das man so in einen Ausschnitt seines Lebens reinschauen kann. Aber gleichzeitig, da man nur den Auftritt sieht, nur auf ihn draufguckt, bleibt er einem als Mensch dann doch wieder ganz fern. Zehn Meter können eine immense Entfernung darstellen. Sogar zwei Meter. Da leiern ein paar Mädels weiter ihre modische Unterhaltung runter und schaben mit ihren bunten Stoffschuhen. Das hass ich ja. Wenn schon jemand seine Seele in Scheibchen geschnitten präsentiert und er dann sogar noch den deutlichen Hinweis Mute im Namen trägt, dann kann man doch wohl mal zuhören, ihr Schnepfen! Genau, hört mal hin, Schnepfen, der Typ da klingt nämlich wie Mute Swimmer, vielleicht hört und seht ihr den nie wieder so nah, der ist Engländer und wenn er kein Star wird, ist er bald wieder weg aus eurem Leben, dann schwimmt er leise übers Meer und man hat keine Ahnung, wer er ist oder was er denkt, was ja auch eigentlich egal ist, aber er ist gut und nimmt einen mit in seine Songs, so eine nahe Fernreise sollte man einfach mal mitnehmen. Vielleicht seid ihr aber auch nur da um auszusehen, dann will ich nix gesagt haben, dann seid ihr voll im Soll. Be there to be wer. Hiersein ist hip! Ich bin ja auch hier und icke bin auch... lassen wir das. Ich merk nur manchmal, dass mir dieses kontroverse Sendungsbewußtsein „ich bin diese Marke Mensch“ und „ich wiederum bin jene Marke Mensch“ ziemlich auf den Senkel geht. Vielleicht weil man früher auch so war oder noch schlimmer, weil man ja immer noch ständig selber auf Sendung ist. Nein, nicht ständig, aber manchmal, will man aus Versehen auch ne modische Marke Mensch sein. Aber alles ganz bewusst unterbewusst.
Naja, hippe, junge Leute sind das schon hier, aber auch nette, ich nörgel wieder zu viel, eigentlich scheinen die meisten ganz nett und eigentlich könnte es auch sein, dass ich genauso hier sitzen würde und bierritierende Kommentare murmeln würde, wenn mich Gatti nicht im Stich gelassen hätte. Irgendwo hier im Raum sitzt wahrscheinlich jemand, der mich finster ansieht und denkt: Was schreibt der arrogante Typ denn die ganze Zeit hier herum?! Hält der sich irgendwie für was Besonderes? Kritiker, oder was? Archivar-der-Gegenwart-Freak, oder was?! Kann der so was nicht zuhause machen? Kann der nicht einfach nur da sein, so wie wir auch? Ich hass das ja... und so weiter. Theoretisch, wenn ich nicht schon hier im Durchgang wäre, könnte sogar ich über mich genau das denken, wenn ich nicht schon hier wäre... ich muss mal mit der Denkreiterei aufhören, denke ich.
Aber die Schnepfen nerven, auch wenn sie womöglich sonst nett sind. Die sollen einfach mal die Schnauze halten. Ist doch wahr. Ich kann doch nicht immer nicht kontrovers sein! Wenn das so weiter geht, werde ich der Johannes B. Kerner der Literaturszene, nur ohne fett dotierten Vertrag, der mir diesen Stempel ertragbar machen würde. Ich bin so unhipp, dass ich nicht mal den gleichnamigen Babybrei runterkrieg. Streicht das.
Ich glaub, Meer schreibe ich heute lieber nicht und auch nicht Schwein. Nein, ich applaudiere zum Abschluss wie geschmiert und als Mr. Mute Swimmer an mir vorbei geht, bringe ich ein hochprofessionelles und ungelenkes „very nice“ raus, weil wer weiß, ob ich den Engländer jemals in meinem Leben wiedersehen werde, da ist das doch schon mal besser als gar nichts. Ab jetzt, nehme ich mir vor, bist Du Gast und einfach nur da. Ganz normaler Gast. Unreflektiert und raus aus sich. Das ist klug und fluffig. Sven-Rudolph, Einstein, Noah und ich. Wir sind eine feine Schweinebande.

Wilko ist 404 Monate alt und soweit man das beurteilen kann: männlich. Er chillt gerne bei guten Konzerten, ist manchmal eine eigenwillige Stute und reitet besonders gerne auf sich rum und wenn er gerade nicht in sich drin ist, dann ist er sehr fluffig und leider nicht kontrovers. Abzugeben.

Freitag, 14. Januar 2011

Die Leserpistole // 23. Januar // 19:30 Uhr // Teilchen & Beschleuniger


„Home? I have no home. Hunted! Despised! Living like an animal. The Leserpistole is my home!“
Das ist seltsam, sagt ihr? Und ob, sage ich und freue mich auf mein trautes, seltsames Heim und meine großartigen Mitbewohner! Ins atomare Wohnzimmer kommen diesmal: Lisa Tuyala, Marc Fragstein, Sybille Lengauer, Lucien Leguan und (schon wieder, gähn ;-)) Torben Schreiber! Überraschungsgäste sind mit kurzen Schusswechseln stets willkommen. Das wird die beste Lasershow, die dies Jahr bislang gesehen hat!
Beginn ist wieder (und auch demnächst) um 19:30! Der frühe Vogel hat den Arsch auf dem Sessel!

Der Eintritt ist frei, der Ausgang in den meisten Fällen glücklich.

LISA TUYALA

singt von der Sehnsucht - ob von den ganz großen, die jeder kennt, oder von der ganz kleinen, die auch jeder kennt. Geboren an der Elfenbeinküste, aufgewachsen in Münster mit kurzem Ausbrecher nach Missouri/USA, studiert in Berlin und Den Haag lebt und “künstlert” sie jetzt in Stuttgart. Musik in Kategorien zu unterteilen erscheint ihr unsinnig. Die Melodie, das Wort, der Rhythmus, die Harmonie - alles erzählt eine Geschichte. Am ehesten ist sie also eine Erzählerin.
http://www.lisatuyala.com/

TORBEN SCHREIBER [von Krawehl!]:

Seine scharfe Zunge ist gefürchtet. Torben Schreibers Texte zeichnen sich durch einen hintersinnigen, kritischen Humor aus. Er zeichnet teils absurde Alltagssatiren mit Typen, die jeder kennt (die man aber eigentlich nie kennenlernen wollte) und würzt das Ganze gerne mal mit einer Prise Cholerik. Torben gibt nach seinem „heiligen Krieg“ bei der Weihnachtspistole schon jetzt sein großes Comeback. (Foto: Erik Schwingenheuer)
www.krawehl.net



SYBILLE LENGAUER:

Die gebürtige Österreicherin Sybille Lengauer lebt und arbeitet seit 2002 in Münster. Ihre Berufung ist die Schriftstellerei, bisher veröffentlicht wurden „Hirnwichsen“; Lyrik / Prosa für Unerschrockene und „Hospitalistische Liebeslieder“; ein österreichisches Märchen. Für das Frühjahr 2011 ist ein neuer Band im Bereich Lyrik / Prosa geplant. Außerdem ist sie Hobby-Musikerin und arbeitet als Journalistin / Rezensentin für verschiedene Zeitungen und Onlinemagazine. Neugierige finden sie unter
www.myspace.com/hirnwichsen

MARC FRAGSTEIN:

macht Soundminiaturen, in denen sich im Hagebuttentee eine große Traurigkeit widerspiegelt. Die Soundästhetik hat Ihre Kleidung vom Kik, der Text ist unrasiert, aber es sind beides ganz feine Kerls.
http://www.bluebikeboy.de/

LUCIEN LEGUAN:



Geboren in Hagen / Westfalen, studiert in Münster und ist seit 2002 Call Center Agent. In seinen Texten versucht er die gesamte Bandbreite des Lebens zwischen Hass und Liebe, Verzweiflung und mystischer Einheit, vermeintlichem Unsinn und dem Sinn des Daseins zu erfassen.
http://www.myspace.com/honour2dada

WILKO FRANZ [der relativ moderate Moderator]:


macht im Wilko-Franz-Sein so schnell keiner was vor...
http://wwwilko.blogspot.com/ also hier...gähn...der schreibt eh nie was...