Mittwoch, 3. November 2010

Triptychontreppe


Triptychontreppe

Kunst für kleine Pausen, denke ich und sitze auf dem Gitter und rauche, obwohl ich immer noch Nichtraucher bin. Früher da war ich mal alternativ. War ständig irgendwie Indie, meistens ganz lieb, war nur nicht provokativ, was zu Lasten meiner Alternativität gezählt werden darf. Ich war tief in der spartenlosen Sparte und sah auch alles aus dieser Warte (ich reime aus Versehen, pardon), mit einer gewissen sensiblen Arroganz. Jetzt, zehn Jahre später, sitz ich wieder auf dieser Treppe und schaue wieder hinab, wie in ein Gehege. Der gleiche Junge, nur irgendwie älter als damals. Und, was fehlt, frag ich mich. Was fehlt zu dem Jungen von damals? Ich glaube, es ist diese Erwartungseinstellung. Diese „ich-werde-heute-vielleicht-gelebt-werden-Altitüde“ womöglich tue sogar ich was Lebendes... Alles ist egaler geworden. Ich kriege keine Aufregung mehr, wenn ich auf fremde Menschen blicke. Die lassen mich kalt. Ich blicke einfach nur auf sie. Ich bin kalt, das ist wahrscheinlich das Problem. Unausgelöst, stecke ich einfach zu sehr in mir fest. Aber egal. Ich bin selber egaler. Wegen mir verändert sich nicht die Welt, schon gar nicht das Gehege zu meinen Füßen. Ich erscheine am Rand, nur scheine ich nicht, sondern dimme irgendwie vor mir hin. Distanziert zur Offenarmigkeit des Gelebt-werden-wollens. Ich habe die Arme schon für soviele breit gemacht in meiner Erwartungseinstellung, dass es mir jetzt irgendwie, ja, egal ist. Und das ist mir irgendwie gar nicht egal, ich bin mir nicht egal. Dass ich so ein egaler, rostiger Gerüstaspekt geworden bin und mich und meine Egalität viel zu wichtig nehme. War ich denn früher, als ich noch zuhause wohnte tatsächlich alternativer als heut, wo ich frei bin, freigeistig, frei von Sicherheiten und naja, geben wir es zu, dadurch eigentlich immer unfreier bin!? Man will mit Sicherheit frei sein, nicht ohne sie. Aber trotzdem, war ich im Familiennest freier, ungebundener, fließender, erwartender? Erwartender sein, ist eine Berufung der Jugendlichkeit, denke ich. Ist immer gut, wenn man erwartend ist, planend, sich vom Passieren streifen lassen kann. Sicher, dafür muss auch was passieren. Und das wiederum erwarte ich nun mal nicht mehr so ungefragt. Dachte ich früher: „Was alles noch kommt?!“ so denke ich heute „Was alles schon war!“ Ja, heute beruhige ich mich damit, dass doch eigentlich nichts kommt, was ich nicht hab kommen sehen, es sei denn es ist Zufall oder ein Unfall, aber da fällt man ja auch rein, das hat nichts mit erwarten zu tun, jedenfalls denke ich nicht, dass gleich etwas passiert, was mein Leben verändert, nichts, was mich verändert, ich hüte meine Gleichartigkeit mit meinen trüben Augäpfeln. Ich will gleich gleichbleibend bleiben.
Ich hab irgendwie etwas anderes erwartet, als einmal ein Nichterwartender zu werden.
Jetzt suhlt er sich aber, denkt ihr und (um es mit Thomas Magnum zu sagen): Sie haben Recht! Aber, das habe ich eben auch erwartet. Nun, was ist dann so schreibwert an dieser Ödnisanalyse, mögt ihr denken/fragen und obwohl es mir beinahe nicht egal ist, will ich diese handlungsarme Gedankenabhandlung fortführen. Denn ab und zu kommt dieser Kitzel wieder, dass die Situation eine „Etwas-Passierende“ sein könnte, dass man nichts planen kann, nicht mal seinen eigenen Kopf und vom Herz will ich mal gar nicht erst anfangen. Dass etwas mit mir passieren könnte. So was ist gefährlich, natürlich, aber eben auch gefährlich fabelhaft, wenn man zumindest in einer „Etwas-könnte-passieren-Hoffnung“ ist, dann ist alles schon mal viel weniger egal, sondern wird, so unbedeutend es auch sein mag, bedeutend, und das bedeutet mir was! Dann könnte man fast wieder einen oder noch einen Moment jung sein und dann sind sie einem nicht mehr egal, diese menschlichen Gestalten, die da unten grasen oder an einem vorbei die Treppe hochgehen. Dann sind sie nicht mal mehr Gestalten, sondern man sieht sie als wandelnde, wunderbar warme Möglichkeiten. Warme Wunder. Warm ist jetzt schwer zu umschreiben, warm benennt wohl so etwas wie das Gefühl einer grundsätzlichen Philanthropie in mir. So etwas wie eine Menschenliebe der Möglichkeiten oder dass es möglich ist Menschen zu lieben. Überhaupt ist es auch viel einfacher sich selbst zu lieben, wenn man kein Nichterwartender ist, sondern warmmütig und ganz vielleicht sogar selber ein Wunder. Ja, ich kann noch immer ein echter erwartender Warmmüter sein, ich muss es nur zulassen, und so ein Junge, der so was kann, der bin ich noch immer, auch heute.
Gott, das Bier ist gut und dass es keinen Platz mehr auf dem Papier gibt, das ist verdammt noch mal auch saugut! Und die Musik von drinnen, die ist auch saugut, und saugute Leute da, so viele, die ich saumäßig mag. Ich geh rein: Stepptanzen. Jung sein: Saugut!

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